„Was läuft in Deinem Leben gerade alles schief?“
Nimm Dir einen Moment und denke darüber nach.
Wahrscheinlich fallen Dir ziemlich schnell ein paar Dinge ein. Vielleicht ein Problem, das Dich schon länger beschäftigt. Eine Situation, die Dich ärgert. Etwas, das einfach nicht so läuft, wie Du es gerne hättest.
Und jetzt eine andere Frage:
„Worüber freust Du Dich momentan besonders?“
Interessant, oder?
Plötzlich tauchen möglicherweise ganz andere Gedanken auf. Menschen, die Dir wichtig sind. Ein schönes Erlebnis. Etwas, das Dir gelungen ist. Vielleicht sogar Dinge, an die Du vor wenigen Sekunden überhaupt nicht gedacht hast.
Zwei Fragen. Derselbe Mensch. Dasselbe Leben.
Und trotzdem kann sich innerhalb weniger Sekunden etwas verändern.
Willkommen in der faszinierenden Welt unserer Sprache.
Eine Frage ist niemals nur eine Frage
Ich beschäftige mich seit über 25 Jahren intensiv mit Kommunikation, Sprache und menschlichem Verhalten.
Und eine Beobachtung mache ich bis heute immer wieder:
Die meisten Menschen haben erstaunlich wenig Ahnung davon, was sie mit ihrer Sprache bei anderen auslösen.
Das klingt vielleicht etwas hart. Aber genau so erlebe ich es.
Menschen reden miteinander, diskutieren, stellen Fragen, geben Ratschläge und wundern sich anschließend über die Reaktionen.
„Das habe ich doch gar nicht so gemeint!“
Diesen Satz hast Du vermutlich auch schon gehört. Vielleicht sogar selbst gesagt.
Nur interessiert es unser Gegenüber herzlich wenig, was wir eigentlich gemeint haben, wenn bei ihm etwas völlig anderes angekommen ist.
Natürlich spielt unsere Absicht eine Rolle. Aber sie garantiert noch lange nicht die Wirkung.
Besonders spannend wird das bei Fragen.
Denn Fragen haben eine Eigenschaft, die wir im Alltag häufig übersehen:
Sie geben unserem Denken eine Richtung.
Dein Gehirn macht sich auf die Suche
Stell Dir vor, wir sitzen zusammen bei einem Kaffee.
Ich frage Dich:
„Was nervt Dich eigentlich am meisten an Deiner Arbeit?“
Was passiert?
Du wirst vermutlich anfangen, nach etwas zu suchen, das Dich an Deiner Arbeit nervt.
Vielleicht fällt Dir Dein Chef ein. Ein Kollege. Ein Kunde. Oder diese eine Aufgabe, auf die Du schon seit Wochen keine Lust hast.
Möglicherweise hast Du bis zu meiner Frage überhaupt nicht an diese Dinge gedacht.
Und jetzt?
Jetzt beschäftigen sie Dich.
Vielleicht verändert sich sogar Deine Stimmung ein wenig.
Dabei habe ich Dir weder gesagt, dass Deine Arbeit schlecht ist, noch dass Du unzufrieden sein solltest.
Ich habe lediglich eine Frage gestellt.
Hätte ich Dich stattdessen gefragt:
„Was macht Dir an Deiner Arbeit besonders viel Freude?“
… dann hätten wir uns möglicherweise über etwas völlig anderes unterhalten.
Das ist eine der faszinierendsten Eigenschaften menschlicher Kommunikation.
Mit einer einzigen Frage können wir die Aufmerksamkeit eines Menschen in eine bestimmte Richtung lenken.
Natürlich funktioniert das nicht wie ein Lichtschalter. Menschen reagieren unterschiedlich, und niemand muss gedanklich dorthin gehen, wohin eine Frage ihn einlädt.
Aber die Richtung, die wir mit unserer Frage anbieten, ist keineswegs zufällig.
Und damit beginnt unsere Verantwortung.
Manchmal steckt die Antwort schon in der Frage
Jetzt wird es noch interessanter.
Denn Fragen lenken unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf bestimmte Themen. Sie können auch Annahmen enthalten, die wir beim Antworten zunächst einmal hinnehmen sollen.
Ein Beispiel:
„Warum bist Du eigentlich schon wieder so empfindlich?“
Lies diesen Satz ruhig noch einmal.
Was wird hier eigentlich gefragt?
Oberflächlich betrachtet möchte jemand wissen, warum sich ein anderer Mensch auf eine bestimmte Weise verhält.
Aber schau genauer hin.
In dieser Frage stecken bereits zwei Behauptungen:
Du bist empfindlich.
Und Du warst es offenbar schon häufiger.
Vielleicht stimmt beides überhaupt nicht.
Vielleicht hat der andere gerade einen guten Grund, verärgert zu sein. Vielleicht wurde eine Grenze überschritten. Vielleicht hat er einfach eine andere Meinung.
Doch bevor darüber gesprochen werden kann, steht bereits eine Bewertung im Raum.
Wenn der Betroffene jetzt versucht, die Frage zu beantworten, kann er leicht in die Situation geraten, sich für etwas rechtfertigen zu müssen, das er selbst ganz anders sieht.
Solche sprachlichen Konstruktionen begegnen mir ständig.
In Partnerschaften. Zwischen Eltern und Kindern. In Unternehmen. In Verkaufsgesprächen.
Und ja, auch bei Coaches und Trainern.
Das Erstaunliche daran ist, dass viele Menschen solche Fragen völlig unbewusst stellen.
Sie haben sich vermutlich noch nie Gedanken darüber gemacht, welche Annahmen sie mit ihren Formulierungen transportieren.
Sie reden einfach.
Und manchmal richten sie damit mehr an, als ihnen bewusst ist.
„Ich habe doch nur gefragt!“
Diesen Satz finde ich besonders interessant.
Er fällt gerne dann, wenn jemand auf eine Frage verärgert, verletzt oder abwehrend reagiert.
„Jetzt reg Dich doch nicht so auf. Ich habe doch nur gefragt!“
Als wäre eine Frage grundsätzlich harmlos.
Stell Dir vor, jemand fragt Dich vor versammelter Mannschaft:
„Warum bekommst Du Deine Aufgaben eigentlich nie rechtzeitig fertig?“
Vielleicht bist Du zuverlässig. Vielleicht gab es bei einem bestimmten Projekt nachvollziehbare Verzögerungen. Vielleicht lag das Problem überhaupt nicht bei Dir.
Trotzdem stehst Du plötzlich vor Deinen Kollegen und sollst erklären, warum Du angeblich nie rechtzeitig fertig wirst.
Und wenn Du Dich darüber ärgerst?
„Ich habe doch nur gefragt.“
Nein.
Du hast eine Frage gestellt, die bereits eine Bewertung enthält. Du hast einen bestimmten Rahmen geschaffen. Und Du hast Dein Gegenüber in eine Situation gebracht, in der es möglicherweise zuerst Deine Unterstellung zurückweisen muss.
Das kann bewusst geschehen.
Viel häufiger, so jedenfalls meine Erfahrung, passiert es völlig unbewusst.
Genau das macht die Sache so interessant.
Wer fragt, übernimmt Verantwortung
Jetzt könnten wir natürlich sagen:
Dann müssen wir eben aufpassen, welche Fragen wir stellen.
Das ist richtig. Aber es greift zu kurz.
Denn streng genommen ist es kaum möglich, eine Frage zu stellen, ohne damit irgendeine Richtung vorzugeben.
Schon die Entscheidung, wonach ich frage, lenkt die Aufmerksamkeit.
Wenn ich Dich nach Deinen Problemen frage, beschäftigen wir uns mit Deinen Problemen.
Wenn ich Dich nach Deinen Möglichkeiten frage, richten wir den Blick auf Deine Möglichkeiten.
Wenn ich frage, was Du falsch gemacht hast, eröffne ich eine andere gedankliche Suche, als wenn ich frage, was Du aus einer Situation gelernt hast.
Keine dieser Fragen ist automatisch gut oder schlecht.
Und genau hier liegt für mich ein entscheidender Punkt.
Es geht darum, zu verstehen, was wir mit unserer Sprache tun.
Denn manchmal ist es sinnvoll, über Probleme zu sprechen. Manchmal müssen wir unangenehme Dinge ansprechen. Manchmal braucht es eine kritische Frage, die einen Menschen aus seinen bisherigen Denkmustern herausholt.
Und manchmal ist eine Frage einfach nur ungeschickt.
Wer Kommunikation bewusst einsetzen möchte, sollte deshalb mehr können, als ein paar besonders wirkungsvolle Fragen auswendig zu lernen.
Er sollte verstehen, welche gedanklichen Prozesse seine Fragen möglicherweise auslösen.
Und er sollte sich fragen, ob diese Richtung in der jeweiligen Situation überhaupt hilfreich ist.
Die Frage hinter der Frage
In meinen Seminaren erlebe ich immer wieder, wie überrascht Menschen sind, wenn sie anfangen, ihre eigene Sprache genauer zu betrachten.
Plötzlich fällt ihnen auf, wie viele Annahmen in alltäglichen Formulierungen stecken.
Wie oft sie Fragen stellen, obwohl sie eigentlich eine Aussage machen möchten.
Oder wie schnell sie versuchen, ein Gespräch in eine bestimmte Richtung zu bewegen, bevor sie überhaupt verstanden haben, wie ihr Gegenüber die Situation erlebt.
Dabei wäre manchmal etwas ganz anderes hilfreich.
Eine ehrliche, offene Frage.
Eine Frage, bei der ich die Antwort tatsächlich noch nicht kenne.
Und bei der ich bereit bin, etwas zu hören, das überhaupt nicht zu meinen eigenen Vorstellungen passt.
Das klingt selbstverständlich.
Ist es aber erstaunlich selten.
Denn wir Menschen haben eine gewisse Vorliebe für unsere eigene Sicht der Dinge.
Wir glauben zu wissen, was der andere meint. Was sein Problem ist. Warum er etwas tut. Und manchmal sogar, was für ihn das Beste wäre.
Dann stellen wir Fragen, die genau in diese Richtung führen.
Und wundern uns anschließend, wenn der andere nicht mitkommt.
Vielleicht sollten wir gelegentlich eine andere Frage stellen:
„Was übersehe ich gerade?“
Auch das ist eine Frage, die unsere Aufmerksamkeit lenkt.
Diesmal allerdings auf die Möglichkeit, dass unsere eigene Sicht unvollständig sein könnte.
Worte hinterlassen Spuren
Ich finde Sprache bis heute faszinierend.
Vielleicht sogar mehr als zu Beginn meiner Arbeit.
Denn je intensiver ich mich mit Kommunikation beschäftige, desto deutlicher wird mir, wie viel in scheinbar einfachen Gesprächen geschieht.
Ein einzelner Satz kann einem Menschen Mut machen.
Eine Frage kann eine neue Perspektive eröffnen.
Eine unbedachte Formulierung kann jemanden verunsichern, verletzen oder in eine Rechtfertigung drängen.
Und manchmal bemerken wir die Wirkung unserer Worte erst, wenn das Gespräch längst vorbei ist.
Deshalb geht es mir in meiner Arbeit auch darum, Menschen ein Bewusstsein für ihre eigene Kommunikation zu vermitteln.
Zu verstehen, was sie mit Sprache bewirken können.
Und ebenso, was sie damit möglicherweise anrichten.
Natürlich können wir niemals vollständig kontrollieren, was beim anderen ankommt.
Dafür sind Menschen viel zu unterschiedlich.
Aber wir können lernen, genauer hinzuhören. Bewusster zu formulieren. Unsere eigenen Annahmen zu hinterfragen.
Und vielleicht auch öfter einmal innezuhalten, bevor wir eine Frage stellen.
Denn die eigentliche Kunst besteht für mich darin, mit unseren Fragen die Welt des anderen besser zu verstehen, bevor wir versuchen, sie zu verändern.
Und jetzt habe ich noch eine letzte Frage an Dich.
Wenn Du das nächste Mal jemanden etwas fragst: Weißt Du eigentlich, wohin Du ihn damit führst?